Die Schneeflockenmethode

Mit der Schneeflockenmethode geht der Autor höchst strukturiert an seine Romanidee und entwickelt seine Geschichte nach nach und nach. Ähnlich, wie eine Schneeflocke ihre filigrane Schönheit erst unter dem Mikroskop offenbart, arbeitet man sich vom großen Ganzen an die kleinen Details heran – von innen nach außen, vom Groben ins Feine.

Im ersten Schritt fasst du deine Geschichte in einem einzigen Satz zusammen. Versuche, dich auf fünfzehn Wörter zu beschränken.

„Waisenjunge wird größter Zauberer aller Zeiten und rettet die Welt.“
Ein Schnellschuss, der Rowlings Harry Potter beschreiben könnte. Der Erfinder der Schneeflockenmethode, der amerikanische Physiker und Schriftsteller Randy Ingmarson, rät für das Formulieren dieses Satzes zu einem Zeitlimit von etwa einer Stunde.

Hat man so gar keine Vorstellung davon, worüber man schreiben möchte, ist diese Methode denkbar ungeeignet. Es geht nicht um das Sammeln von Buchideen, sondern darum, das bereits vorhandene Material strukturiert aufzuarbeiten, um dann, wenn es ans Schreiben geht, ein stabiles Gerüst zur Verfügung zu haben, das man bedeutend einfacher mit Leben füllen kann, als müsste man es erst bauen, während man schon draufsteht.

In Schritt zwei erweiterst du diesen einen Satz auf fünf Sätze.
Jeweils einen für Anfang und Ende, drei für die Handlung an sich (Konflikte, Katastrophen, etc.). Wenn du diesen Schritt gewissenhaft ausführst, hast du schon fast so etwas wie deinen Klappentext und deine Geschichte ist in groben Zügen umrissen.

Nun kommen ein paar zusätzliche Eiskristalle an deine Schneeflocke.
In Schritt drei bekommen deine Charaktere Namen, du überlegst dir, welche Ziele deine Hauptfigur verfolgt, was sie daran hindert und du schreibst wieder einen einzigen Satz, der die Story aus Sicht sämtlicher Hauptfiguren beschreibt.
Stell dir einen Krimi vor. Der Ermittler wird eine andere Perspektive haben, als der Täter, das Opfer, der oder die Hinterbliebenen – mach dir klar, was deine Figur erreichen und wer sie am Ende deines Romans sein möchte. Auch hierfür sollte dir für jede Hauptfigur etwa eine Stunde genügen.

Weiter mit Schritt vier. Nun hängst du noch bisschen mehr Gefunkel an deine Schneeflocke und erweiterst deine Sätze aus Schritt zwei auf Absätze. Absatz 1 – 4 lässt du mit einer Katastrophe, einem enormen Konflikt enden, Absatz 5 gehört dem Schluss deiner Geschichte. Nun hast du vermutlich schon recht spannende zwei Seiten verfasst (grob geschätzt), um dich in

Schritt fünf wieder ausführlich deinen Charakteren widmen zu können. Auf ungefähr einer Manuskriptseite erzählen sie nun ihre subjektive Sicht der Dinge. Wenn es dir gelingt, dich gut in deine Figuren hineinzuversetzen, wirst du im Anschluss an diesen Part allerhand über sie wissen, wovon du zuvor nicht den Hauch einer Ahnung hattest.
Lass dir ruhig ein bis zwei Tage Zeit, übertreiben musst du es aber noch nicht – ihr lernt euch schon bald immer besser kennen. :)

Mit diesem Wissen kannst du nun das Ergebnis aus Schritt vier begutachten und Zusammenhänge herausarbeiten, logische Verknüpfungen suchen (und finden) um in Schritt Numero sechs auf etwa vier Seiten Text kommen, die vielleicht sogar bereits an ein Exposé erinnern können. In ca. einer Woche sollte das erledigt sein.

Jetzt ist es an der Zeit, dich noch einmal intensiv mit deinen Figuren zu beschäftigen. Vielleicht möchtest du in Schritt sieben ein imaginäres Interview mit ihnen führen (geniale Sache) und so Genaueres über ihre wahre Motivation herausfinden? Frag nach allem, was dich am Freund deiner Tochter oder einer anderen nahestehenden Person ebenfalls interessieren würde.

Das kann von kulinarischen Abneigungen über besondere Ticks bis hin zur religiösen Gesinnung alles sein. Das soziale Umfeld ist ebenfalls wichtig.

Einen Großteil deiner Infos wirst du im Buch vermutlich niemals explizit erwähnen – du wirst deine Figur auf diese Weise aber in den unterschiedlichsten Situationen ihren Fähigkeiten / Überzeugungen nach handeln lassen können und einen glaubhaften Charakter erschaffen. Du solltest mehr über deine Figur wissen, als dein Mann / deine Frau über dich. Die genaue Optik legst du nun ebenfalls fest.

In Schritt acht kommen alle Freunde der Tabellenkalkulation auf ihre Kosten!
Leg dir eine Tabelle an und gliedere deine Geschichte in all ihre Szenen. Die Gestaltung steht dir frei, probier aus, was für dich funktioniert.

Klingt nach mächtig Arbeit – bei teilweise mehr als einhundert Szenen ist es das auch, der große Vorteil ist jedoch, dass du dann, wenn es endlich ans Schreiben geht, immer den Überblick bewahrst und stets weißt, wo die Reise hingehen soll. Möchtest du einmal etwas ändern, kannst du mit solch einer Tabelle die jeweilige Passage nicht nur sehr schnell finden (anstatt: „Mist … irgendwo hier zwischen Seite 123 und 198 muss es doch sein …“), auch das Aufspüren von Logikfehlern sollte dir leichter von der Hand gehen.

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Wer macht was, wann und wo und welche Probleme, bzw. Folgen ergeben sich daraus? Diese großen Karteikarten reichen für gewöhnlich. In die letzte Spalte kommt die Seite des Manuskripts, auf der das Beschriebene zu finden ist.

Mit deinen Interviews und Charakterbeschreibungen in Sichtweite kannst du immer wieder mal schauen, welche Reaktion / Handlung deiner Figur ihr in den jeweiligen Situationen am ehesten entspricht. Wenn in einer Szene etwas geschieht, was so gar nicht ins Bild passt, wirst du es zeitnah merken und ändern können – besser, als wenn es dir erst auffällt, wenn du ENDE unter dein Manuskript getippt hast.

Für Schritt neun schlägt Ingmarson einen etwa 50-seitigen Rohentwurf vor, allerdings nur optional (und keine Option für mich), deshalb kommen wir direkt zum

zehnten und letzten Schritt:

DEM SCHREIBEN DEINES BUCHES!

Dank all der Vorarbeit kannst du dich jederzeit an deinen Szenen orientieren, bist aber immer noch frei genug, sie auszugestalten, aufzuhübschen, abzuändern. Solltest du, aus welchem Grund auch immer, einmal mehrere Tage oder gar Wochen nicht an deinem Manuskript weiterarbeiten können, wirst du dank der erstellten Szenentabelle schnell in die Geschichte zurückfinden.

Du hast deinen roten Faden gespannt, die Zusammenhänge sind klar und du kannst jederzeit versteckte Hinweise auf was auch immer einbauen – denn du weißt ja, was kommt, bzw. was war.

Klar, das ist nicht für jeden Schriftsteller sinnvoll. Manche schreiben intuitiv, die Geschichte entfaltet sich erst beim Schreiben und sie würden sich in solch einer Struktur gefangen fühlen.

Ich dagegen mag es ganz gern, wenn ich weiß, was ich zu tun habe, kann mit klaren Ansagen grundsätzlich besser umgehen, als mit verwaschenen Eventualitäten und deshalb ist die Schneeflockenmethode für mich ein sehr hilfreiches Mittel, um mir darüber klar zu werden, was in meiner Geschichte überhaupt alles passieren soll und vor allem: Warum, wieso, weshalb so und nicht anders.

Bei der ganzen Planerei vielleicht noch bisschen auf die 3-, 5- oder 7-Akt-Struktur geachtet (Einleitung, Hauptteil, Schluss, Wendepunkte – dazu evtl. die Tage mal mehr) und schon ist man auf einem kreativen und dennoch strukturierten Weg durchs Labyrinth der Wörter. Und wenn’s nix für dich ist, lässt du’s einfach. :)

Gute Reise!
RMK

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