„Erzähl mir nicht, dass der Mond scheint,

 … zeige mir lieber seinen Lichtschimmer auf einer Glasscherbe.“

Der russische Autor Anton Chekhov soll das einmal gesagt haben und nichts anderes ist gemeint, wenn man in vermutlich jedem einzelnen Schreibratgeber dazu aufgefordert wird: “SHOW, DON’T TELL!”

Nichts ist langweiliger für den Leser, als ständig etwas erzählt, es aber nie gezeigt zu bekommen.

Sicher, es ist eine Geschichte, ein Buch, etwas zum Lesen, aber dennoch können (und soll) die Sprache, die ein Autor wählt, im besten Fall all unsere Sinne ansprechen, uns etwas zum Riechen, Schmecken, Fühlen, Sehen und Hören bieten. Dem Leser fällt es so deutlich leichter, sich in die Geschichte einzufühlen, sie wird lebendiger, authentischer und intensiver spürbar. Mittendrin, statt nur dabei.

Zwei kurze Beispiele:

Es schneite.

Oder auch:

Unzählige Schneeflocken schwebten lautlos vom Himmel und verwandelten die Wiese vor dem Haus in eine weiße Ebene. “Wie Vanilleeis mit Sahne”, dachte Sophia, zog ihre Fäustlinge von den noch immer klammen Fingern, formte ihre Hände zu Suppentellern und beobachtete, wie die Eiskristalle auf ihrer Haut zu kleinen Seen schmolzen.


Die Scheidung hatte sie sehr mitgenommen.

Anders:

Gedankenverloren fuhr sie über den Ansatz ihres rechten Ringfingers, an dem bis vorletzte Woche  noch ihr Ehering gesessen hatte. Der Abdruck war noch deutlich zu sehen, verlor sich aber langsam im Alltag, der irgendwo zwischen dem ersten Kuss und seiner letzten Berührung verschüttet gegangen war.


Sicher keine literarischen Meisterwerke, aber ich denke, zu Vorführzwecken kann man das so durchgehen lassen. ;)

Erzählen wir nicht einfach nur, was Sache ist, sondern zeigen, wie es unseren Protagonisten mit der jeweiligen Situation geht, ist das vergleichbar mit einem Kamerazoom, der uns die Dinge näher heranholt und dadurch erfahrbarer macht. Wir fühlen leichter mit und können uns mit der Geschichte besser identifizieren.

Sich selbst in die jeweilige Situation versetzen, hilft oft enorm.
Was fühle ich, wenn … Wie verändert sich meine Atmung, meine Stimme, kriege ich nasse Hände? Ich hab mich schon dabei erwischt, dass ich mit mir unliebsamen Situationen dadurch besser umgehen konnte, dass ich sie zu Recherchezwecken genutzt und ihnen dadurch einen Sinn gegeben habe. :)

Es wird einem ja schließlich nicht alle Tage gekündigt oder die Schuld für irgendeine Untat in die Schuhe geschoben, die dem persönlichen Werteempfinden so völlig widerspricht.

Was passiert da in mir? Welche Gedanken gehen mir durch den Kopf, was hat es mit diesem Ameisengefühl in Kopf und Brustkorb auf sich  und wem in drei Teufels Namen kann ich jetzt mal so richtig eine aufs Maul hauen?! Schon spannend, sich in den unterschiedlichsten Situationen mal ganz genau zu beobachten.

Der ein oder andere Charakter wird sicher davon profitieren und die Gefahr, anstelle einer Geschichte ein wissenschaftliches Essay zu schreiben, wird deutlich geringer.

Wobei … Übertreiben braucht man es natürlich auch nicht. Manchmal braucht der Leser einfach nur eine bestimmte Information und die kann ich ihm dann auch ohne großen Schnickschnack vermitteln. Wenn mein Protagonist gerade ins Bett gegangen ist, muss der Leser sicher nicht wissen, dass der Vorhang des Nächtens sanft im Wind weht und das Kälbchen nebenan lautstark nach seiner Mutter ruft.

Außer, mein Protagonist hat extra die Fenster geschlossen, als er ins Bett gegangen ist und wohnt noch dazu im Penthouse eines Wolkenkratzers … ;)

RMK

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