Hauptsache veröffentlicht?

Während meines Reporter-Daseins hatte ich immer wieder mal das Vergnügen, die schreibende Zunft zu interviewen und nicht selten wandelte sich meine anfängliche Euphorie sehr schnell in ungläubiges Staunen.
Besonders in Erinnerung geblieben ist mir Dame, die ein Kinderbuch veröffentlicht hatte – für eine Summe, die meinen Traum einer 8-wöchigen Wohnmobilreise durch Norwegen problemlos realisieren könnte.

Wenn man sich im Bekanntenkreis unterhält, hört man gern mal Aussagen, wie: „Hach, was ich schon alles erlebt hab, da könnt ich glatt ein Buch drüber schreiben!“ Mancher setzt sich dann auch tatsächlich an den Computer und schwupps, ist der vermeintliche Bestseller in die Tastatur gehämmert. Und dann?

Man sucht die Suchmaschine seines Vertrauens auf, tippt in vorfreudiger Erwartung eines hochdotierten Autorenvertrages „Verlag gesucht“ in die Suchmaske ein und was man Sekundenbruchteile später auf seinem Bildschirm vorfindet, das hab ich soeben mal selbst getestet. Ein paar Ergebnisse, die mir auf einen Blick präsentiert wurden:

Autor werden? | Wir warten auf Ihr Manuskript

Verlag sucht junge Autoren | Mit gratis Erfolgseinschätzung

Autoren gesucht!

Verlag sucht Autoren.

Super, das ging ja fix, da steht der steilen Schriftstellerkarriere ja nix mehr im Weg!

Das Manuskript wird verschickt und kurz darauf bekommt man die vielversprechende Nachricht, man sei beeindruckt von dem Werk und wolle es gern auf den Markt bringen. Man bitte allerdings um Verständnis, dass schließlich Unsummen für Werbung und das ganze Brimborium drumherum nötig seien, deshalb könne man leider erst nach Zahlung einer Selbstbeteiligung von Summe X tätig werden.
Aufgrund des enormen Potentials, welches in den schriftstellerischen Fähigkeiten des Autoren deutlich zu erkennen sei, habe man jedoch keinen Zweifel daran, dass dieses Geld in kürzester Zeit wieder auf des Schreiberlings Konto zurückgeflossen sein würde. Mindestens!

Wer sich mit der Schriftstellerei und dem Verlagswesen nie auseinandergesetzt hat, mag nun vielleicht denken, dass der Weg vom Manuskript zum fertigen Buch grundsätzlich über solche Druckkostenzuschussverlage (DKZV) führt und spaziert nun frohen Mutes zur Bank, guten Freunden oder wohin auch immer und finanziert die Veröffentlichung des bahnbrechenden Werks mit ein paar Tausendern vor.
Alles halb so wild. Kommt ja bald wieder rein. Haben die Leute vom Verlag schließlich gesagt – und die müssen es ja wohl wissen.

Das angebotene Lektorat (üblicherweise Summe X pro Wort/Seite) nimmt man entweder auch noch an oder lässt es in Anbetracht der bereits entstandenen Kosten diskret unter den Tisch fallen – das bisschen Rechtschreibung, das kriegt man ja wohl noch selbst hin, wär doch gelacht und im Zweifelsfall fragt man eben mal schnell die Schwester, die verschickt ja auch immer so schöne Sprüche per WhatsApp. Joah … Kann man machen. 

Was passiert (für gewöhnlich)?

Man hat zigtausend Euro bezahlt, lässt sein Buch in einer gewissen Auflage mit sämtlichen Rechtschreib-, Stil- und Logikfehlern drucken und harrt der Dinge, die ob des grandiosen Erfolgs in Kürze über einen hereinbrechen werden.

Nach einer Weile fragt man mal vorsichtig beim Verlag nach, wie es denn so ausschaut, mit den Verkäufen, der Werbung, etc. und stellt fest, dass man A) keinerlei Überblick hat, sich B) außer ein paar Belegexemplaren (wenn überhaupt) sein eigenes Buch für teuer Geld selbst kaufen muss und C) scheinbar niemand sonst von der Existenz des vermeintlichen Bestsellers weiß (Familienangehörige und enge Freunde mal ausgenommen).

Der Wunsch, das eigens verfasste Buch möglichst schnell in Händen zu halten, ist ein gefundenes Fressen für DKZV, damit verdienen diese ihr Geld – und das nicht zu knapp.

Egal, wie groß das Bedürfnis ist, sein eigenes Leben zwischen zwei Buchdeckel zu pressen oder die Welt mit persönlichen Weisheiten zu reformieren, ein DKZV ist niemalsgarnieüberhauptnienicht die richtige Adresse für solch ein Vorhaben!

Ein seriöser Verlag wird kein Geld von dir verlangen, um dein Buch herauszubringen, einfache Grundregel: Verlag – verlegen – vorlegen …

Das Risiko trägt allein der Verlag und deshalb ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass es eine halbe Ewigkeit dauern kann, bis man mal endlich einen Verleger von sich und seinem Buch überzeugt hat. Das ist ein enormes Risikogeschäft, da legt man sich nicht die dreihundertsechsundzwanzigste Geschichte des gleichen Themas ins Regal, da muss schon etwas Besonderes her.

Noch was … Wer sein Buch an den Mann bringen will, der druckt nicht sämtliche Seiten seines Manuskripts aus und schickt es wurfpostähnlich in der Weltgeschichte herum, er versendet (bestenfalls nach telefonischer Rücksprache) ein EXPOSÉ – und zwar an ausgewählte Verlage, von denen er denkt, das eigene Werk könnte gut in deren (zuvor gut studiertes) Programm passen. Und auch das macht man nicht bei zig Verlagen.

Was ein Exposé ist?

(Jajaaa, davon hatte die eingangs erwähnte Dame noch nie im Leben gehört …)

Übersetzt bedeutet das soviel wie hervorheben, herausstellen. EX-POSIEREN. Als wolltest du das Selfie des Jahres machen, aber halt von deinem Buch.

Man muss den Verlag erst bisschen aufs Manuskript draufheben, zeigen, was man Tolles zu bieten hat und warum ausgerechnet das eigene Buch so erfolgversprechend für den Verlag ist.

  • Was zeichnet mich aus, warum bin gerade ich dafür geeignet, über Thema X zu schreiben?
  • Was gibt es Vergleichbares auf dem Markt und wieso ist mein Buch trotzdem lesenswert?
  • Wer ist meine Zielgruppe und welchen Mehrwert bietet mein Buch für sie?

All das (und mehr) muss in einem Exposé beantwortet werden und das am besten möglichst schnell. Es ist eine sehr romantische Vorstellung, ein Lektor käme irgendwann im Laufe des Vormittags in sein Büro, ließe sich entspannt in seinem Ohrensessel nieder und blättere voller Freude ein Manuskript nach dem anderen durch.

Falsch.

Dafür hat er gar keine Zeit. Stapelweise türmen sich die geistige Ergüsse mehr oder weniger talentierter Schreiberlinge auf seinem Schreibtisch oder auf der Festplatte und er ist darauf getrimmt, in kürzester Zeit Entscheidungen zu treffen. Diese fallen nicht selten nach nur wenigen Wörtern oder Zeilen.

Dein Vorhaben, ein Buch bei einem Verlag unterzubringen, ist also nicht allein damit getan, es in die Tastatur zu hämmern, du musst in erster Linie das Interesse des Verlags wecken und dafür hast du nur den ersten Eindruck. Wie im echten Leben. Ist der erst mal verkackt, wird’s schwer.

Nochmal kurz zur Rechtschreibung.
Sicher, ein seriöser Verlag wird dein Buch lektorieren und sich eine wirklich geniale Geschichte auch trotz einiger Tippfehler nicht durch die Lappen gehen lassen. Da die wenigsten von uns aber Hemingway, King oder Rowling heißen, ist es durchaus angebracht, deine Geschichte in die bestmögliche Form zu packen und Rechtschreib- oder Stilfehler bereits im Vorfeld so gut es geht auszumerzen.

Ein professionelles Lektorat kann hier Wunder wirken und entscheidet im Zweifelsfall über Tod oder Leben deines Buches. Und natürlich Testleser, wobei es wenig hilfreich ist, sich von Mama, Papa, dem Partner oder der besten Freundin beweihräuchern zu lassen. Testleser sollten ehrlich sagen können, was ihnen gefallen hat, wo sie Verständnisprobleme hatten oder ob sie womöglich nach Seite drei bereits keinen Bock mehr hatten.

Die Freude am Schreiben ist etwas so Wundervolles und die eigene Geschichte veröffentlicht sehen zu wollen, absolut nichts Verwerfliches – aber nicht um jeden Preis. Es nützt dir rein gar nichts, wenn du dein Buch zwar in Händen hältst, viele hundert Exemplare davon aber in in irgendwelchen Kisten verrotten und eines Tages auf dem Papiermüll landen. Das hat kein Buch verdient.

Jeder, wirklich jeder kann auf diese Art veröffentlichen, selbst wenn es sich um den allergrößten Schund handeln sollte. Deshalb werden Bücher, die im DKZV erschienen sind, vom normalen Literaturbetrieb für gewöhnlich auch nicht weiter beachtet. Du tust dir mit einer solchen Veröffentlichung also auch dann keinen Gefallen, wenn du vielleicht sogar ganz gut schreiben kannst. Gerade dann solltest du deinem Buch den verdienten Respekt zollen und es nicht „mal eben schnell“ verschachern.

Stell dir vor, es wäre dein leibliches Kind. Du hast dich verdammt lange mit ihm herumgeschlagen, hast dir alle Mühe gegeben, ihm ein gutes Leben zu ermöglichen. Es liegt dir mehr am Herzen, als irgendjemand sonst und nun entlässt du es in die große, weite Welt.

Welchen Partner wünschst du dir für dein Kind?

Siehst du. ;)

Viel Erfolg!
RMK


Und weil`s grade so schön passt:

 

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