Tabu

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Was man einem Essgestörten
besser nicht sagen sollte

Wenn ein uns nahestehender Mensch offensichtlich ein Problem hat, neigen wir gern mal dazu, irgendwelche klugen, häufig sogar gut gemeinte Dinge von uns zu geben. Wir werfen mit Rat s c h l ä g e n um uns und denken nicht im Traum daran, dass wir dem Betroffenen damit eventuell zusätzlich schaden könnten.

In Bezug auf Essstörungen möchte ich hier einmal einige Sätze zusammentragen, die man im Kontakt mit einem Essgestörten besser für sich behalten sollte.

„Du hast ein Aufmerksamkeitsproblem …“

Aufmerksamkeit ist so ziemlich das Letzte, was Essgestörte wollen. Für gewöhnlich ziehen sie es vor, unentdeckt zu bleiben und sie würden alles dafür tun, dass niemand etwas von ihrem Problem erfährt.
Lässt sich das nicht mehr verhindern (durch eine zu starke Veränderung der Körpermaße oder wenn sie bei einem Fressanfall oder gar beim Erbrechen überrascht wurden), würden sie am liebsten im Erdboden versinken.
Mit diesem Vorwurf konfrontiert, wird ein Essgestörter in Zukunft vermutlich verstärkt darauf achten, einen möglichst „aufgeräumten“ Eindruck zu machen und sich weiter in sich zurückziehen – Hilfe von außen wird so immer schwerer.

„Aber du siehst mit deinem aktuellen Gewicht doch gut aus!“

Wer das sagt, hat für gewöhnlich die besten Absichten und möchte dem Betroffenen zeigen, dass es keinen Grund gibt, mit dem eigenen Erscheinungsbild unzufrieden zu sein.
Problem: Handelt es sich um einen Magersüchtigen, kann eine solche Aussage dazu führen, dass derjenige sein Gewicht erst recht wird reduzieren wollen.
Er weiß, dass das ‚gut‘ der Außenstehenden mit seiner Vorstellung von gut nicht übereinstimmt und solange andere sagen, er sähe gut aus, gibt es in seiner Welt noch allerhand zu tun …

Handelt es sich um jemanden mit relativ normaler Figur (was bei Bulimikern meist der Fall ist), läuft ein ähnlicher, gedanklicher Prozess ab. Man möchte nicht einfach nur gut sein, man wäre viel lieber in jeglicher Hinsicht perfekt! Zeitgleich könnte die Angst entstehen, die Kontrolle über den eigenen Körper zu verlieren, wenn man das Erbrechen einstellen würde – Erkrankte legen auf Kontrolle jedoch großen Wert, sie realisieren nicht, dass nicht sie die Bulimie kontrollieren, sondern die Bulimie sie.

Ein Fresssüchtiger, der aufgrund seiner übermäßigen Kalorienzufuhr fettleibig geworden ist, wird die Aussage ‚Du schaust gut aus‘ gar nicht ernst nehmen – und denjenigen, der sich zu dieser Aussage hat hinreißen lassen, ebenfalls nicht. Kann sein, dass er sich belogen und betrogen fühlt und den weiteren Kontakt einschränkt oder unterbindet.

„Na ja, ein paar Kilo weniger würden sicher nicht schaden, aber ich mag dich trotzdem – so, wie du bist.“

Nett gemeint, aber alles, was der Betroffene hört, ist: „Himmel, bist du fett!“ Weitere Erklärungen kann ich mir hier wohl sparen …

„Meinst du nicht, du hast genug gegessen? Du kannst unmöglich noch Hunger haben.“

Der Betroffene fühlt sich ertappt und sieht sich darin bestätigt, dass er nicht mehr alle Tassen im Schrank hat. Das negative Gefühl, dass er ohnehin schon hat, wird weiter genährt und der Teufelskreis aus essen – sich schlecht fühlen – essen, weil man sich schlecht fühlt schließt sich erneut.

„Na toll, wenn du alles wieder rauskotzt, könnte ich das Geld genauso gut zum Fenster rausschmeißen.“

Stimmt, die Bulimie verschlingt im wahrsten Sinne des Wortes jede Menge Geld. Das weiß auch der Bulimiker, er steht seinen Fressattacken jedoch hilflos gegenüber und ist nicht in der Lage, sie zu kontrollieren. Dieser Vorwurf verstärkt die Scham- und Schuldgefühle und kann auf direktem Weg zu einem erneuten Fressanfall führen.

„Wie kann man sich nur freiwillig übergeben, das ist sowas von ekelhaft!“

ACH WAS?! Häufig ist der Betroffene von sich selbst angewidert und eine solche Aussage bestätigt ihn in seiner Wahrnehmung. Er ist einfach abstoßend, das Letzte, eine Zumutung für jeden, der mit ihm zu tun hat. Häufig ist der Weg zwischen diesen Gedanken und dem Kühlschrank sehr kurz …

„Du stirbst am Ende noch, kapierst du das nicht?“

Entweder, der Betroffene sieht das tatsächlich nicht so und findet solch eine Aussage maßlos übertrieben, oder aber, diese Möglichkeit scheint ihm weniger bedrohlich, als die Aussicht, ein Leben ohne die Essstörung leben zu müssen.
Es ist wichtig, zu verstehen, dass dieses Verhalten eine Problemlösungsstrategie darstellt, die man nicht einfach ersatzlos streichen kann. Der Erkrankte steckt in der Zwickmühle, das Leben mit der ES tut ihm auf Dauer nicht gut, wie es ohne funktionieren soll, weiß er aber auch nicht. Außerdem wird er sich nach einer solchen Aussage umso schuldiger fühlen, weil seine Familie seinetwegen so besorgt ist.

„Warum schreibst du im Internet mit Wildfremden, aber mit uns (deiner Familie) redest du nicht – sind wir dir denn gar nicht wichtig?“

Menschen, die kein gestörtes Verhältnis zum Essen haben, können noch so motiviert sein, dem Betroffenen zur Seite zu stehen, er wird sich dennoch niemals so angenommen und verstanden fühlen, wie im Austausch mit Leidensgenossen. Hier können sie offen erzählen, was sie belastet, sie werden nicht schief angeschaut, man stellt ihnen keine verständnislosen Fragen – sie dürfen einfach sein, wie sie sind und merken, dass sie nicht alleine sind. Dieses Gefühl haben sie in ihrem normalen Umfeld eher selten, deshalb ist dieser Kontakt für Essgestörte häufig sehr wertvoll.
Man sollte ihn nicht als „Contra Familie“ betrachten, sondern als „Pro Betroffene“.

Dennoch ist Vorsicht geboten. Im Internet gibt es etliche „Pro Ana“ und „Pro Mia“-Seiten (Verniedlichung von Anorexia nervosa u. Bulimia nervosa). Solche Kontakte sind auf dem Weg zur Heilung absolut schädlich, hier geht es eher darum, sich gegenseitig zu motivieren, weiter abzunehmen, bzw. das krankhafte Verhalten zu „perfektionieren“.

„… dabei hab ich extra dein Lieblingsgericht gekocht …“

Das ist emotionale Erpressung. Nichts anderes.

Was darf ich denn überhaupt noch sagen?

  • Die Themen Essen, Gewicht & Aussehen sollten möglichst gar nicht kommentiert werden.
  • Der Betroffene wird es sicher als große Erleichterung empfinden, wenn man ihm mitteilt, dass man sein Verhalten zwar nicht nachvollziehen kann, ihn aber deswegen nicht weniger lieb hat und immer für ihn da sein wird.
  • Keine bösen Streit- oder Problemgespräche am Esstisch. Auch nicht unter anderen Familienmitgliedern. Das Essen sollte unter möglichst spannungsfreien Rahmenbedingungen stattfinden. Kein Fernseher, stattessen nette Gespräche über irgend etwas Schönes, das man heute erlebt hat.
  • Niemals zwingen, etwas zu essen und kein fragender Blick bei einer zweiten Portion. Solange kein lebensbedrohlicher Zustand erreicht ist, erst mal machen lassen – und keine Vorwürfe.
  • Zuhören, Geduld haben, Verständnis und liebevollen Respekt signalisieren – allerdings keine „Therapiegespräche“ aufdrängen.
  • Ermutigen, Hilfe in Anspruch zu nehmen, aber nichts einfordern.
  • Möglichst häufig Dinge unternehmen, die dem Betroffenen Freude bereiten.
  • Den Drang nach Perfektion nicht vorleben (ständiges reden über das eigene Gewicht, Kalorienzählen, Abwerten des eigenen Körpers im Beisein der Kinder, etc.)

Für Außenstehende ist es oft nur schwer nachzuvollziehen, wie man mit etwas so „Normalem“ Probleme haben kann. Beratungsgespräche speziell für Angehörige können hier häufig gute Dienste leisten. Für alle Beteiligten … Klick

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