Welche ES gibt es?

Inhaltsverzeichnis

Zu den drei häufigsten Essstörungen


Was versteht man unter einer Essstörung?

Einfach ausgedrückt: Wenn Nahrungsaufnahme oder -verweigerung krankhafte Züge annimmt.

Die Betroffenen empfinden häufig weder Hunger noch Sättigung, haben einen krankhaft veränderten Bezug zur Nahrungsaufnahme und eine unrealistische Wahrnehmung ihres Körpers. Ihre Gedanken kreisen unentwegt um das Thema Essen, sie definieren sich über ihren Körper und suchen nach Wegen, möglichst wenig Gewicht auf die Wage zu bringen.

Oder es werden keine kompensierenden Maßnahmen ergriffen und das Gewicht steigt und steigt.

Wie entstehen Essstörungen?

Das ist gar nicht so leicht zu beantworten, die eine Ursache gibt es nicht.

Soziokulturelle Faktoren (z. B. das gängige Schönheitsideal) können genauso verantwortlich sein, wie psychologische und biologische Ursachen, darüber hinaus kann auch eine aktuelle Belastungssituation Auslöser einer Essstörung sein.

Sehr häufig allerdings beginnt eine ES mit der „Einstiegsdroge Diät„. Man will nur mal eben ein paar Kilo abnehmen und wenn das dann gelungen ist und man von seinem Umfeld die entsprechenden Reaktionen erhalten hat, dann kann sich das schon mal anfühlen, wie Geburtstag, Ostern und Weihnachten zusammen.
Gerade bei Jugendlichen, die ihren Platz innerhalb einer Gruppe suchen, kann die Aufmerksamkeit und Bewunderung, die sie durch ihre Gewichtsabnahme erreicht haben, dazu führen, dass sie eine klare Verbindung zwischen ihrer äußeren Erscheinung und ihrer Position in der Welt sehen.

Ungünstige Vorbilder
Wenn die eigene Mutter, Schwester oder eine andere enge Bezugsperson mit ihrem Körper unzufrieden ist, kann es gut sein, dass sich dieses negative Selbstbild überträgt und man ebenfalls kritischer in den Spiegel schaut.

Hohe Erwartungen
Essgestörte wollen häufig perfekt sein. Sie haben früh gelernt, dass sie am ehesten vorankommen, wenn sie den Erwartungen ihres Umfelds entsprechen und setzen sich selbst unter großen Druck.

Suchtproblematik innerhalb der Familie
Es ist nachgewiesen, dass etwa 30% der Kinder einer Familie mit Suchtproblematik später selbst eine Suchterkrankung oder andere, psychische Auffälligkeiten entwickeln.

Falsche Ernährung
Häufige Diäten ziehen meist eine Veränderung des Stoffwechsels nach sich, aber auch, wenn unserem Körper einfach „nur“ bestimmte Vitamine oder Spurenelemente fehlen, kann sich das negativ auf unser Essverhalten und unsere Gefühlslage auswirken. Hier mein Artikel zum Thema Heißhunger.

Nahrungsmittel als Emotionsersatz
Wer als Kind immer den Schokoriegel in den Mund gesteckt bekam, wenn er sich das Knie aufgeschlagen hatte, als Belohnung für das gute Zeugnis ins Fast-Food-Restaurant durfte, wer beim gemeinsamen Essen die Streitgespräche der Eltern mit anhören musste oder vielleicht sogar für „ungebührliches Verhalten“ ohne Abendessen ins Bett geschickt wurde, der wird eventuell auch später noch die unterschiedlichsten Emotionen mit essen oder nicht essen ausdrücken.

Häufig haben Essgestörte keinen guten Draht zu ihren Empfindungen, sie können sie entweder gar nicht erst wahrnehmen und entsprechend benenne – oder aber nicht aushalten. Sie handeln nach ihrem erlernten Muster: Gefühl = Essen. Das schafft tatsächlich Erleichterung – aber nur sehr kurz.

Neurologische Faktoren
Bei Essgestörten wird häufig ein veränderter Serotoninspiegel (sowie anderer Neurotransmitter) und ein instabiler Hormonhaushalt diagnostiziert. Diese Stoffe beeinflussen unter anderem unser Hunger- und Sättigungsgefühl, sowie unsere Stimmung. Ein neurobiologisches Ungleichgewicht kann also zu den unterschiedlichsten Reaktionen führen – unter anderem zu Essstörungen.


Diese Auflistung ist sicher nicht vollständig, zeigt aber bereits, wie breit gefächert die Ursachen einer Essstörung sein können. Die Betroffenen selbst sind sich dieser Zusammenhänge für gewöhnlich nicht bewusst und wenn doch, kommen sie meist nicht gegen ihre erlernten Handlungsmuster an.

Je länger eine Essstörung besteht, umso schwieriger wird es auch, sie zu heilen – nicht unmöglich, aber schwieriger. Die ungünstigen Problemlösungsstrategien manifestieren sich immer mehr und irgendwann kann sich der Betroffene ein Leben ohne seine ES kaum mehr vorstellen. Sie ist fester Bestandteil seines Lebens und sie aufzugeben, kann ihm große Angst machen – wie sonst soll er in seinem Alltag bestehen können? Für viele eine unvorstellbares Szenario.

Solange kein alternatives Verhalten erlernt oder die Ursachen nicht erkannt und beseitigt wurden, kann man eine Essstörung deshalb auch nicht einfach ersatzlos streichen (!), das Problem würde sich nur verlagern – selten zum Besseren.


Die drei häufigsten Essstörungen

Essstörungen sind nicht immer klar voneinander abzugrenzen, häufig treten Mischformen auf oder die Betroffenen gleiten von einer ES in eine andere. Die drei häufigsten Essstörungen aber sind Magersucht, Bulimie und Binge Eating.

Magersucht

Die Magersucht (Anorexia nervosa) betrifft überwiegend junge Mädchen und Frauen (immer häufiger aber auch Jungs und Männer) und kennzeichnet sich dadurch, dass die Betroffenen krankhaft darauf bedacht sind, ihr Gewicht zu reduzieren. Häufig kommt es zu deutlichem Untergewicht und mit der Mangelernährung einhergehenden Folgeerkrankungen.

Magersüchtige können auf unterschiedliche Weise versuchen, ihr Gewicht zu minimieren. Hungern, exzessives Sport treiben oder die Einnahme von Entwässerungs- und Abführmitteln sind die gängigsten Verhaltensmuster.

An Magersucht Erkrankte leiden an einer ausgeprägten Körperwahrnehmungsstörung, selbst, wenn sie nur noch aus Haut und Knochen bestehen, empfinden sie sich häufig noch als zu dick und nehmen ihr Spiegelbild auch tatsächlich so wahr.

Folgen
Bei einer länger anhaltenden Erkrankung kann es zu schwerwiegenden, körperlichen Folgeerkrankungen kommen, wie zum Beispiel Herz-Kreislauf-Störungen, Nierenschäden, Ausbleiben der Menstruation / Fruchtbarkeitsstörungen, Osteoporose, Haarausfall, ständiges Frieren, Magen-Darm-Störungen und allerhand mehr.
Auch wenn man sagt, der Leidensdruck sei bei Magersüchtigen geringer, als beispielsweise bei Bulimikern, kommt es nicht selten zu psychischen Auffälligkeiten. Depressionen, selbstverletzendes Verhalten oder Suizid sind keine Seltenheit. Etwa 10% der von Magersucht Betroffenen sterben.

Hilfe
Eine langfristig angelegte Psychotherapie scheint unumgänglich, um die Krankheit zu überwinden und zu einer realistische Selbstwahrnehmung, gesundem Essverhalten und einer Steigerung des Selbstwertgefühls gelangen zu können.

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Bulimie

Die Bulimie (Bulimia nervosa, auch Ess-Brech-Sucht oder Ochsenhunger genannt) tritt ebenfalls überwiegend bei Mädchen und Frauen auf und beginnt häufig während der Pubertät. Besonderes Merkmal sind ein unkontrollierbares Verlangen nach (meist) hochkalorischen Lebensmitteln, welche nach einem Fressanfall für gewöhnlich wieder erbrochen werden. Auch kann es zu einem Missbrauch von Abführmitteln kommen.

Die Betroffenen definieren sich über ihre äußere Erscheinung, haben eine krankhafte Furcht davor, dick zu werden und beschäftigen sich unentwegt mit Themen, die mit Gewichtsreduktion, Kalorien, Nährwerten oder Ähnlichem zu tun haben.

Bulimie ist die heimlichste aller Essstörungen. Die Betroffenen stehen unter einem hohen Leidensdruck, schämen sich aber so sehr, dass sie sich häufig nicht trauen, sich jemandem zu öffnen. Da sie meist eine normale Figur haben, fallen sie gesellschaftlich nicht sonderlich auf und leben oft viele Jahre ein Leben im Geheimen.

Bulimiker meiden oft soziale Kontakte, sie fühlen sich innerlich leer, ihr Selbstwertgefühl liegt bei nahezu Null und oftmals leiden sie an Depressionen mit einhergehenden Suizidgedanken. Dadurch, dass sie regelmäßig mit Nahrungsmitteln konfrontiert sind, gleicht ihr Leben einem Spießrutenlauf, geprägt von Ängsten, Scham und Kontrollverlust.

Folgen
Bei länger anhaltender Erkrankung kann es unter anderem zu Herzrhythmusstörungen (bis hin zum plötzlichen Herztod), Kreislaufproblemen und Nierenschäden kommen. Ständige Müdigkeit, Muskelkrämpfe, Mineralmangel, Magen-Darm-Beschwerden, Entzündungen der Bauchspeicheldrüse und Zahnschäden können auftreten.

Hilfe
Ähnlich wie bei der Magersucht ist eine psychotherapeutische Begleitung in Form einer Verhaltenstherapie empfehlenswert. Die Betroffenen müssen lernen, mit ihrem „Suchtmittel Nahrung“ umzugehen, zu neuen Problemlösungsstrategien und einem gesteigerten Selbstwert finden.

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Binge Eating

Ähnlich wie die Bulimie, ist die Binge-Eating-Störung (Binge = Gelage) durch Fressattacken mit einhergehendem Kontrollverlust gekennzeichnet, allerdings erbrechen sich die Betroffenen hinterher nicht, was für gewöhnlich zu einem deutlichen Übergewicht führt.

Esssüchtige haben kein Hunger- oder Sättigungsempfinden, sie essen nicht etwa, weil sie physischen Hunger verspüren, die übermäßige Kalorienaufnahme ist als Versuch zu sehen, emotionale / psychische Bedürfnisse zu stillen – kann aber auch durch einen gestörten Hormonhaushalt hervorgerufen werden.

Betroffene einer Binge-Eating-Störung sind häufig sozial isoliert, sie schämen sich meist für ihr äußeres Erscheinungsbild und würden ihr Gewicht gern reduzieren, können dem unbändigen Verlagen nach häufig sehr fett- und zuckerhaltigen Lebensmitteln aber kaum etwas entgegensetzen, sie haben keine Kontrolle über ihr Essverhalten.

Die psychische Belastung kompensieren sie meist mit weiterem, übermäßigem Essen, was einen endlosen Teufelskreis darstellt.

Folgen
Psychische Belastungen bis hin zur Depression können auftreten, ebenso Herz-Kreislauf-Beschwerden oder Erkrankungen des Verdauungs- und Bewegungsapparates. Durch das hohe Gewicht sind häufig die Knie oder Hüften in ihrer Funktion beeinträchtigt, die Betroffenen haben Schmerzen, was ihre ohnehin eingeschränkte Bewegungsfreiheit weiter minimiert.

Von allen Essgestörten bekommen Esssüchtige den gesellschaftliche Druck am ehesten zu spüren, häufig wirft man ihnen vor, sie seien schlicht fett, faul und gefräßig und verfügten über keinerlei Selbstdisziplin, was ihrem Selbstwert weiter schadet.

Therapie
Wie schon bei Magersucht und Bulimie ist auch beim Esssüchtigen eine verhaltenstherapeutische Psychotherapie das Mittel der Wahl.

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