#ZeigtHerEureBäuche

Das Schreiben war immer eines meiner dringendsten Bedürfnisse, in letzter Zeit hab ich das aber so gar nicht mehr verspürt – was mich schon bisschen beunruhigt hatte. Dass es ausgerechnet ein Hashtag über Bäuche sein würde, der diesem Elend ein Ende bereiten würde, das kam nun überraschend. Aber nun gut. :)

Was hab ich auf Twitter nicht alles schon sehen dürfen. Hintern, Möpse, Nacktmulle unterschiedlichster Gattungen und erst gestern hab ich mich durch die letzten StruempfeSamstag-Wochen gescrollt. Ständig mit dem Gedanken im Kopf, dass iiiiich mich an so was ja im Leben nicht beteiligen würde, immerhin zeigt man ja nur das von sich, was man mag und da gehören meine Beine nun mal so gar nicht dazu.

Im weiteren Tagesverlauf hatte ich dann immer wieder Bäuche auf dem Display, flache, runde, männliche, weibliche, durchtrainierte, kuschelige, mit und ohne Schwangerschaftstreifen – was der Markt halt so hergibt. :)

Wie bei den Beinen auch, haben mich besonders die Bilder angesprochen, die etwas zeigten, was dem gängigen Schönheitsideal nicht so ganz entsprach und wie immer, wenn ich so was sehe, hatte ich mächtig Respekt vor mancher Dame (die Herren mögen mir verzeihen, dass ich sie da ausklammere, ich glaube, Frau tut sich mit scheinbaren Makeln einfach immer noch bisschen schwerer und deshalb find ich`s umso bemerkenswerter, wenn sie sich traut, sich zu zeigen, wie sie nun mal ist).

Hatte kurz überlegt, meinen Bauch ebenfalls zu knipsen, mich aber dagegen entschieden. Mein Bauch ist okay, dafür, dass er zwei Kinder beherbergt hat und ich im Sommer 45 werde – genau genommen ist mein Bauch sogar der Körperteil, den ich am ehesten akzeptieren kann, wie er ist. Wäre demnach kein so`n „mutiger Akt“ gewesen, kann man also auch lassen.

Heute früh hab ich noch immer Bäuche in meiner TL und ich sinniere nun schon ne ganze Weile über mein persönliches Körpergefühl, warum es ist, wie es ist, was das für mein Leben bedeutet hat und ob es nicht an der Zeit wäre, sich ein Beispiel an den Menschen zu nehmen, die kundtun, dass sie ihren Körper mögen und ihn regelrecht feiern.

Hab mich in meinem Körper nie zu Hause gefühlt. Ein Fremd-Körper im wahrsten Sinne des Wortes. Noch keine zehn Jahre alt, hab ich irgendwelche Pülverchen in Wasser gemixt bekommen und sollte damit Mahlzeiten ergänzen. Im direkten Anschluss folgte so ziemlich jede Diät, die der Markt so hergab – in besonderer Erinnerung (um nur mal eine zu nennen) blieb mir die Hollywood-Star-Diät, die dir nach ner Weile die halbe Zunge weggeätzt hat, dank all der Ananassäure tagein, tagaus. Aber was muss, das muss … Witzigerweise war ich gar nicht wirklich dick. Nicht dünn, nö, aber dick ganz bestimmt nicht.

Dennoch hat man mir immer vermittelt, dass mein Körper nicht okay ist, wie er ist und irgendwann hab ich das dann auch so anerkannt und hab begonnen, ihn aus eigenem Antrieb verändern zu wollen, schöner haben zu wollen, wollte sein, wie all die rappeldürren Mädchen meiner Schule oder wie man sie ihn irgendwelchen Zeitschriften sah. Dann wäre die Welt in Ordnung, ICH wäre in Ordnung, man würde mich mögen, ich würde dazugehören und würde bis ans Ende meiner Tage ein glückliches und zufriedenes Leben führen. Haha. Spitzen Witz.

Seit bald dreieinhalb Jahrzehnten bestimmt mein Körper, wie ich mich fühle. Die Zahl auf der Waage sagt mir, ob es ein guter oder ein schlechter Tag werden wird. Ich hab gehungert, gefressen, zugenommen, abgenommen, zugenommen, abgenommen, Kalorien gezählt, Punkte notiert, dieses nicht mit jenem kombiniert, mit Digitalwaage am Tisch gesessen und im Beisein meiner Kinder aufs Gramm genau jedes Stück Gemüse abgewogen und entsprechend berechnet und ich hab im Laufe meines Lebens vermutlich den Gegenwert mehrerer Kleinwagen ins Klo gekotzt.

Ich wundere mich heute manchmal, dass mein Körper seinen Dienst noch nicht quittiert hat. So, wie ich ihn behandelt habe, hätte ich es ihm nicht verdenken können und häufig hab ich mir genau das auch gewünscht – aber der ist zäh, wie mir scheint. Oder auch nur stur. Egal.

Diese ganzen Fotos, die ich auf Twitter immer wieder sehe, machen mich oft neidisch, weil es noch immer so was wie mein Kleinmädchentraum ist, mal pudelnackig vorm Spiegel zu stehen und dem, was ich da so sehe, einfach freundlich lächelnd zunicken zu können. Aber nö. Das wird wohl nix mehr.

Dafür kann ich mich aber inzwischen angezogen schon deutlich besser annehmen, als früher Mein Gewicht ist aber mittlerweile auch okay, ich hab nicht mehr diese enormen Schwankungen, bzw. greife ich sehr schnell zu Gegenmaßnahmen, wenn mal was aus dem Ruder läuft – und noch immer gehe ich hier nicht die gesündesten Wege, für meine Verhältnisse ist das aber glaub ich okay so.

Glaube, mein größter Stolz war es immer, wenn ich es hinbekommen hatte, ne Weile zu fasten. Dieses nicht abhängig sein vom Essen. Grandioses Gefühl! Zu merken, dass ich mich sehr wohl im Griff haben kann und kein alles verschlingendes Monster bin, das zwar Dinge haben will, sie dann aber nicht behalten kann. Ist nicht nur in Bezug aufs Essen so, dieser Zusammenhang wurde mir aber erst recht spät klar. Etwas wollen, sich dessen aber nicht wert sein. Böse Falle.

So oder so … Noch immer drehen sich meine Gedanken viel zu viel um meine äußere Erscheinung und wie unzufrieden ich damit bin. In besonders lichten Momenten kriege ich es aber schon hin, Respekt und Achtung für meinen Körper zu empfinden, eben weil er noch immer relativ einwandfrei funktioniert. An extrem guten Tagen kann ich sogar mal meinen Beinen ein verschmitztes Grinsen zukommen lassen. „Ihr tragt mich noch immer. Ihr seid ja bekloppt. Helfersyndrom, was? Höhö …“ Ich glaube, sie freuen sich über paar nette Worte. Sehen dann jedenfalls immer gleich noch`n bisschen hübscher aus.

Warum ich das alles überhaupt tippe …

Ich lese hier so oft von todunglücklichen Menschen, vorzugsweise Frauen, deren Leben von ihrem Körper bestimmt wird. Bzw. von der Bedeutung, die sie ihm selbst geben und die leider nicht selten von der Gesellschaft auch entsprechend unterstützt wird. Lange schon betrifft das nicht mehr nur Erwachsene, schon ganz, ganz junge Kinder rutschen in diese teuflische Spirale hinein und finden vermutlich häufig ihr ganzes Leben lang nicht mehr hinaus.

Wenn man Pech hat und der eigene Körper sehr früh von außen entsprechend beurteilt wird, weiß man irgendwann vielleicht schon gar nicht mehr, woher diese Abneigung kommt, man hat sie einfach verinnerlicht, zur persönlichen Realität gemacht und dann ist es auch scheißegal, wenn später jemand ums Eck kommt, der dir sagt, du hättest den schönsten Körper der Welt. Kein Wort glaubst du demjenigen – was gern mal zu weiteren Problemen führt.

Menschen mit einer gestörten Wahrnehmung ihres Körpers erleben es häufig, dass innen und außen nicht übereinstimmen und daraus ergibt sich gern mal so was wie ein grundsätzliches Misstrauen. Schwierig. Für denjenigen selbst, aber auch für jeden, der mit diesem Menschen umgehen muss oder will.

Und damit sind wir bei der Selbstliebe angelangt, von der es ja immer heißt, ohne sie könne man auch niemand anderen lieben. Blödsinn. Aber liebe ich mich nicht, glaube ich leider auch dir nicht, dass du mich liebst – widerspricht ja schließlich so völlig meiner eigenen Wahrheit.

Ich erkläre dir dann vielleicht mehrfach, dass du dir sicher nur was vormachst und da ich glaube, dass du vermutlich eh bald wieder verschwunden sein wirst, sobald du was Besseres gefunden hast, gehe lieber ich selbst und erspare mir das Verlassenwerden. Macht in solchen Köpfen absolut Sinn und um das aufzuweichen, braucht`s ein Gegenüber mit ausgeprägtem Durchhaltevermögen und vermutlich e.x.t.r.e.m. viel Liebe im Herzen. Mag es geben, aber das ist ne echte Herausforderung. Für alle Beteiligten.

Scheiße, ich weiche schon wieder viel zu sehr ab.

Was ich sagen wollte: HÖRT AUF, Körper anderer Menschen zu be-/verurteilen! Unter einem Bauchfoto dieser Tage steht so was, wie „Oh, Ende sechster Monat?“ und dem Verfasser dieser Reply würd ich am liebsten volle Breitseite ne Zaunlatte vors Hirn prügeln. Was fällt solchen Menschen nur ein? Denkt so jemand auch nur eine Sekunde darüber nach, dass am anderen Ende ein Mensch sitzt, den solche Äußerungen tief treffen und dauerhaft negativ beeinflussen können? Nein, ganz offensichtlich nicht.

Dummerweise ist gar nicht nur die Abwertung das Problem. Ertappe mich selbst dabei, dass ich meine Tochter zu ihrer Gewichtsabnahme beglückwünsche. EBENSO KACKE. Sie erfährt die Bestätigung, dass weniger mehr ist und ich kenn`s ja aus meinem eigenen Kopf: „Aha. Dann war`s wohl vorher scheiße.“
Man verlernt, sich um seiner selbst Willen anzunehmen sondern macht seinen Selbstwert an Kleidergrößen und digitalen Ziffern so ner elenden Bodenschlampe abhängig. Zu meinen schlimmsten Zeiten hab ich zigfach täglich drauf gestanden und wirklich unfassbar viel Lebenszeit damit verschwendet, über meinen Körper, meine Nahrung oder irgendwas, was damit zusammenhängt, nachzudenken.

Solche Aktionen, wie die Samstagsstrümpfe, die Bäuche oder was auch immer euch noch so einfallen wird, find ich glaub ich doch toll. Weil sie die Vielfalt zeigen, einen Querschnitt durch die Gesellschaft und man dadurch die Möglichkeit erlangt, zu sehen, dass man gar nicht so abnorm ist, wie man vielleicht dachte.

Für Menschen, die mit ihrem Körper kein Problem haben und nie hatten, ist dieser Gedanke ein völlig selbstverständlicher. Für viele aber leider nicht und ich wünsche mir da wirklich bisschen mehr Feingefühl. Auch zu Hause mit euren Kindern. Meine Erfahrungen haben nicht nur mein Leben enorm beeinflusst, sondern auch das meiner Töchter. Ich hab ihnen Dinge vorgelebt, die ich nicht hätte vorleben dürfen, Beziehungen zu Männern haben drunter gelitten und ich werde mit diesem Thema noch immer regelmäßig in den verschiedensten Lebensbereichen konfrontiert.

Dieses „nicht schlank/hübsch genug sein“ hat sich einfach irgendwann in ein generalisiertes „nicht GUT genug sein“ verwandelt und das hat Auswirkungen auf nahezu alles, was so ein Leben ausmacht. Privat, beruflich, was auch immer.

Wen auch immer du da draußen siehst … Kräftige Frauen können ihren Körper (und sich selbst) hassen, schlanke aber ebenso und wenn Social Media Plattformen die Chance beinhalten, dass man lernt, sich selbst bisschen liebevoller zu betrachten, dann ist das ne verdammt gute Sache, die unterstützt gehört und JEDEM, der dazu beiträgt, zolle ich meinen tiefsten Respekt.

Ob ich jemals am Strümpfe-Samstag teilnehme, weiß der Himmel, fänd ich eigentlich gut – nicht, weil ich mich von einer ach so sexy Seite zeigen möchte, sondern weil es so was wie ein „Ja“ zu mir selbst wäre. Mal sehen. Zu meinem Bauch kann ich halbwegs Ja sagen und deshalb gehört er hier mit her. Ein Anfang.

beccabauch

Würd mir wirklich wünschen, dieses Bodyshaming hätte ein Ende. Es bringt so viel Leid über die Menschen und das in einem Ausmaß, das Unbeteiligte häufig nicht mal ansatzweise ermessen können. Sagt euch doch, was ihr sonst noch schön findet, an jemandem. Da gibt es so viel mehr, als das, was man auf den ersten Blick sieht.

Damit einen schönen Sonntag und nicht zuletzt aufgrund der Corona-Misere:

Achtet gut auf euch.

(Ach … Falls du bis zum Ende gelesen hast, danke für deine Zeit …)

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